Stephan: Michael,
du hast bis 1999 mit Volker Jüngerich als Duo Waveshape traditionelle
Elektronikmusik im Stile der „Berliner Schule“ veröffentlicht. Nach der
Auflösung der Formation ist es ruhig im dich geworden. Jetzt erscheint
unter dem Projektnamen Heizkörper neue Musik von dir. Was hast du so in
den letzten Jahren - nach Waveshape - musikalisch getrieben?
Michael: Volker und
ich hatten in der letzten Phase von WAVESHAPE mit einem neuen Projekt
begonnen: RADIUM. Wir sahen dieses Projekt aber nie als eine Art Ersatz
für WAVESHAPE. An beiden Projekten hatten wir damals parallel gearbeitet.
Das war die kreative Zeit um 1996 bis 1997. Mit WAVESHAPE hatten wir noch
einige Konzerte in Vorbereitung und auf der "Baustelle" RADIUM entstanden
erste konzeptionelle Entwürfe einer als Trilogie anvisierten CD-Serie
namens "Arkos", deren erster Teil im Sommer 1998 auf der Popkomm in Köln
Premiere feierte und unter dem Publikum für reges Interesse und Aufsehen
gesorgt hatte. Direkt nach der Popkomm präsentierten wir unser
Überraschungsei noch auf einigen Events der lokalen Clubszene. Doch leider
befand sich die Musikwelt zu diesem Zeitpunkt bereits mitten in einem
zerstörerischen Strudel und wir erkannten, dass unsere musikalischen Ziele
in weite Ferne rückten. Gegen Ende 1998 entschieden wir uns schließlich,
das gemeinsame Studio in Windeck-Stromberg aufzulösen, da wir für unsere
gemeinsame künstlerische Laufbahn keine Perspektive mehr sahen. Das war
eine schlimme Zeit, die geprägt war von Enttäuschung und Resignation; wir
standen den Veränderungen der Musikwelt machtlos gegenüber.

Michael zu Waveshape-Zeiten
Ich benötigte daraufhin
etwas Zeit, um Abstand zu gewinnen. Im heimischen Studio hatte ich nun die
nötige Ruhe und Muße für neue, ausgedehnte Klang-Experimente gefunden. Die
Elektronische Musik war schon immer ein bedeutender Teil meines Lebens.
Alles aufzugeben, wäre ein zu großes Opfer für mich gewesen. Damit die
Sache jedoch nicht auf dem Niveau brotloser Kunst stagnieren sollte,
musste ich mir eine neue Nische suchen. Und mir war von vornherein klar,
dass ich - aufgrund der radikalen Veränderungen des globalen Musikbusiness
und dem sich völlig gewandelten Konsumverhalten der Hörer - meine Musik
nicht nur allein über die Veröffentlichung von CD Produkten nach außen
bringen darf. Ich musste andere Anwendungen finden und den Fokus der
Verwertung meiner Musik effektiver und unabhängiger ausrichten. So
entschied ich mich, vorrangig im Bereich Eventvertonung tätig zu werden.
Mir schoss sogleich der Gedanke durch den Kopf, Backgroundmusic für
Modenschauen zu machen. Diese schrille Welt, diese unterkühlten Models und
dieses versnobbte Ambiente war die passende Kulisse für trancelastige
Space-Music mit leicht düsteren Themen und einem sexy Beat bei 124 BPM. Um
stets frisches Material präsentieren zu können, entstand eine kleine
Palette an lounge- und ambientorientierter Elektronischer Musik. Das war
meine Versicherung ... da entstand praktisch ein kleiner unverbindlicher
Katalog im Voraus, um stets gerüstet zu sein und aus dem ich schöpfen
konnte. Die Produktion von CD's war dabei zunächst gar nicht beabsichtigt.
Im Vordergrund stand die Aufführung und Einbindung meiner Musik in
publikumswirksame und externe Rahmenprogramme. Das war der Plan.
Stephan: Hat das
dann mit den Events geklappt? Wenn ja, wo wurde deine Musik aufgeführt?
Michael: Es gab ein
paar Events, die sehr spannend und toll waren und in näherer Umgebung
stattfanden. Dort lieferte ich Backgroundmusic für Handelsmessen,
Modenschau, Feuerwerk, Kunstausstellungen oder bspw. auch ein
Ballonfahrer-Treffen. Gut in Erinnerung ist mir eine Clubwear Präsentation
für den mw-store oder das verstorbene Label MEC oder auch die Performance
für den Promi-Haarstylisten ArtHair. Ich war u. a. im Raum
Frankfurt-Hennef-Köln-Düsseldorf unterwegs.
Stephan: Lief die
Musik dann von CD oder hast du auch mal live zu derartigen Events
gespielt?
Michael: Die Musik
wurde vor Ort aus vorbereiteten HDR-Spuren zusammengemischt und mit
Live-Effekten versehen oder per Loops/Cycle gestreckt. Der Ablauf des
Programms war somit nie starr. Ich konnte in das Geschehen eingreifen, um
den Dialog mit dem Publikum nicht zu verlieren. Stellenweise projizierte
ich dann auf Leinwänden eine VLM-Show aus meiner 64-Bit "Kanone" ...
ähnlich den Konzerten von WAVESHAPE. Aber meist hatten die Veranstalter
auch eigenes Videomaterial dabei.

Foto aus Radium-Session
Stephan: Was genau
sind VLM-Shows?
Michael: VLM-Show
steht für Virtual-Light-Machine-Show und bedeutet, dass eine
Musikdarbietung optisch untermalt wird. Diese Aufgabe übernimmt eine
Hardware oder spezialisierte Software, die die Musik analysiert und in
Echtzeit laufende Bilder und polychrome Muster erzeugt, die auf eine
Leinwand projiziert werden. Man kennt diese Muster und Bilder bspw. vom
Windows Media Player, der ja sehr populär ist, aber nur pubertären
Pixelmüll erzeugt.
Volker und ich hatten
bereits im Jahre 1995/96 eine VLM auf Konzerten eingesetzt, die vom
Computerguru Jeff Minter programmiert wurde. Damals waren wir Pioniere auf
diesem Gebiet, heute verwendet das jeder dumme Depp auf der Bühne, selbst
DJ Ötzi und dieser ganze senile DSDS-Einheitsbrei.
Die computergenerierten
Bilder entstehen also synchron zur Musik und werden von Klangfarbe
(Frequenz), Lautstärke (Amplitude), Stereoverteilung (Panorama) und
natürlich vom Rhythmus (BPM) beeinflusst. Diese Parameter greifen als
Variablen in die ausgewählte Fraktalfunktion (Apfel-, Plasma-,
Hüpferalgorithmus) ein und bestimmen die optische Gestaltung des laufenden
Programms.

Stephan: Auf den
Heizkörper-Veröffentlichungen geht es um Musik, die ursprünglich für ein
Computerspiel komponiert wurde. Bitte erzähl ein wenig darüber, wie es
dazu kam und warum das dann doch nicht für ein Spiel verwendet wurde.
Michael: Auf einer
Videogame Convention kam ich in Kontakt mit einer kleinen deutschen
Programmierergruppe, die an einem klassischen Space-Shooter arbeiteten.
Die Jungs zeigten mir voller Stolz ein kleines Demo ihres Spiels. Dieses
war in einem sehr frühen Stadium und besaß noch keine Musik. Da sie keinen
Musiker im Team hatten, bot ich mich an. Per Handschlag willigten sie ein
und ich machte mich am nächsten Tag sogleich an die Arbeit. Nachdem sie
von mir Promo-Material und erste Entwürfe eines Soundtracks erhalten
hatten, sagten sie zu und unterschrieben ein Vertragsabkommen. Ich war
jetzt Mitglied eines Programmierteams. Die Realisation des Soundtracks
dauerte ungefähr ein Jahr. Als die Musik fertig war, wurde in einem Forum
die Existenz dieser Musik als bereits erhältliche Soundtrack-CD beworben.
Das war auch so gewollt und vertraglich fixiert, denn der Soundtrack
sollte als autarke CD-Produktion bereits vor dem offiziellen Releasetermin
des Spiels im Handel erhältlich sein, um über die Musik die Aufmerksamkeit
des Publikums für das Spiel zu gewinnen. Von der Idee her wäre dies ein
sehr fruchtbarer Weg gewesen, doch leider wurde die Weiterentwicklung des
Spiels wegen mangelnder Kompetenz und Motivation der Programmierer
eingestellt. Ich glaube, selbst das 1.Level des Spiels ist noch nicht mal
fertig geworden. Und dies bei einer Entwicklungszeit von mehr als drei
Jahren. Inzwischen dürfte die komplette Software-Engine des Spieles
ohnehin total veraltet sein. Die Hauptschuld an dieser Tragödie trägt aber
vor allem der Teamchef in seiner Rolle als hauptverantwortlicher
Programmierer, da er seine eigenen Interessen - wie sich nachher
herausstellte - bereits auf ein anderes Projekt gerichtet hatte und eine
stetige Fortentwicklung des Spiels nicht unterstützte und sich mit Sachen
beschäftigte, die mit dem Spiel rein gar nix zu tun hatten. Mich und alle
anderen des Teams ließ er jedoch im guten Glauben ... totales
Missmanagement eben.

Stephan: Das ist
äußerst ärgerlich. Warum hat es denn dann so lange gedauert, bis du deine
Musik im Jahr 2004 auf den Markt gebracht hast?
Michael: Die Maxi
war noch in Arbeit und sollte zeitgleich mit dem Soundtrack erscheinen. Da
das Spiel jedoch wohl niemals die Ladentische entdecken wird, wurde der
Soundtrack als autarkes Werk in "My Fetching Red Firebutton" umgetauft.
Eine andere Idee, die zunächst fixiert wurde, war, über den Soundtrack als
unabhängiges CD-Release Neugierde und eventuell einen Bedarf für das
Computergame zu wecken, da der Soundtrack bereits vor dem Release des
Spiels auf den Markt kommen sollte.
Stephan: Deine
Musik klingt heute mehr nach Trance und Goa, allerdings mit Einflüssen von
Kraftwerk, die an einigen Stellen unüberhörbar sind. Schon auf der 1998’er
CD „Radium – Arcos (1)“ waren schon mehr bpm als üblich von dir und Volker
zu hören. Stellt deine heutige Produktion die konsequente Fortführung
dieses Stiles dar?
Michael: Ich würde
sagen, die Musik ist aus einer Stimmung her entstanden, für die ich mich
in diesem Moment berufen fühlte. Und ich selbst möchte das gar nicht
beurteilen wollen, ob die Musik eine konsequente Weiterentwicklung der
Radium-Produktion ist. Jedenfalls setze ich mich nicht vor meine
Musikanlage mit dem Gedanken: "So, jetzt mache ich die Arkos (2)", oder
so. Die Musik entsteht konzeptionell.
Stephan: Apropos
„Arkos“. Besteht eine Chance, dass dieses Werk eine Fortsetzung bekommt,
oder ist das Projekt mangels Resonanz gestorben?
Michael: Weniger
aufgrund mangelnder Resonanz, sondern eher, weil die Macher hinter dem
Projekt (also Volker und ich) nicht mehr zusammen im Studio arbeiten
werden. und aus Respekt vor unserer gemeinsamen Schaffenszeit möchte ich
ein „Arkos II Projekt“ nicht alleine starten.
Stephan: In welcher
Musikszene bist du heute zuhause?
Michael: Oh, das
weiß ich momentan selber gar nicht so genau. Aber ich habe jetzt schon von
vielen Leuten gehört: "Hey, echt coole Mucke, erinnert mich an Kraftwerk".
Auf dem Co-Pop Festival in Köln kam eine Verantwortliche des SOMA auf mich
zu mit den Worten: "Du hast das Potential, das Erbe von Kraftwerk
anzutreten". Daraufhin wurde ich etwas rot im Gesicht. Das ist eine hohe
Auszeichnung, die mir die nette Frau überbrachte. Aber hoffentlich deckt
sich ihre Meinung mit meinem Gedanken, wie ich diese Auszeichnung
verstehe: nämlich nicht als billige Kopie sondern als stilistisches
Mittel. Mit einer Gruppe wie Kraftwerk verglichen zu werden, war nicht
meine Absicht. Umso mehr war ich davon überrascht. Kraftwerk fährt schon
so lange im gelben Trikot der elektronischen Musik, dass ich mir einen
Vergleich gar nicht anmaßen oder auferlegen möchte. Was mir daran aber so
imponiert, ist die Tatsache, dass Kraftwerk selbst in keine dieser
standardisierten Schubladen passt. Genau dieses "Problem" entdecke ich
auch bei mir. Tapfer trotzt Kraftwerk dem allgegenwärtigen Wahn von
Volksverarschung und schnell verdienter Mark in der Musikwelt. Kraftwerk
macht sein eigenes Ding. Ich auch. Deswegen sitze ich zwischen den Stühlen
verschiedener Musikgenre.
Stephan: Sieht man
dich auch live auf der Bühne bzw. an den Tables?
Michael: Vielleicht
ergibt sich ja auch mal etwas für Veranstaltungen wie E-Live, Alpha
Centauri, Burg Satzvey usw. An den Tables sieht man mich aber ohnehin eher
selten. Ich war immer an Live-Acts interessiert, d. h. mit Equipment und
Instrumenten auf der Bühne. Ich bin kein DJ und niemals möchte ich so was
sein!

Stephan: Auf dem
Cover der CD „My Fetching Red Firebutton“ sieht man dich von hinten und
man könnte vom Outfit und den Haaren (Wasserstoffblond) meinen, es wäre
Sven Väth, der da auf der Plattenhülle zu sehen ist. Ist das gewollt und
verbindet dich etwas mit Sven?
Michael: Mich und
Sven Väth etwas verbinden? Nein! Der kommt aus einer anderen Ecke.
vielleicht äußerlich, aber das ist nicht gewollt und ... by the way ...
ich hatte die haare vorher so :-)
Stephan: Wie sehen
deine musikalischen Zukunftspläne aus?
Michael: In der
heutigen, schnelllebigen und launischen Zeit ist es sehr schwer, überhaupt
noch Pläne zu machen. Ich denke, diese neumodischen Verwertungskanäle wie
bspw. dieser ganze Klingeltöne-Kommerz ist gerade dabei, auf ein
erträgliches Maß zu schrumpfen. Ich persönlich bin kein Freund von dieser
Art des Musikkonsum. Ich bin eher der traditionelle Musikliebhaber, der
ins Geschäft geht, um sich eine CD von der Musik zu kaufen, die ich gut
finde. Damit stehe ich aber leider in der Minderheit der heutigen
Konsummentalität. Für mich persönlich hat ein handfester, greifbarer und
vor allem originaler Tonträger (mit allem was dazu gehört, also Booklet,
CD-Label, das gesamte Artwork) immer noch einen hohen Stellenwert und für
mich gilt nur derjenige als echter schaffender Künstler, der einen
Tonträger veröffentlichen konnte oder kann. Darin eingeschlossen auch
gerne eine Vinylveröffentlichung.

Stephan: Hierzu
möchte ich ergänzen, dass es mir genau so geht. Ich gehöre zu denjenigen,
die ebenfalls bei einem Album das Artwork und das Booklet brauchen. Ich
bin der Meinung, dass man bei einem Album etwas in der Hand haben muss und
da ist euer Album „Arkos“ ein gutes Beispiel, da es wirklich eine tolle
Aufmachung besitzt. Musik aus dem Internet zu laden, ohne Booklet etc.,
kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.
Michael: Ich sehne
mich zurück in die 80er Jahre. Dem Einzelhandel ging es gut. Die Preise
waren akzeptabel. Die Konsumenten waren kaufbereiter und erfreuten sich
der Qualität ihrer neuen Errungenschaften. Die Künstler konnten planen und
wirtschaften und sich über ihre meist ehrliche Musik in jeder Form nach
außen hin ausdrücken. Neue Foren und Plattformen entstanden. Eine überaus
fruchtbare und erfolgreiche Marktsituation, die wohl nie mehr in dieser
Form anzutreffen sein wird. Heute muss man kleine Brötchen backen, und mit
dem wenigen, was entsteht, zufrieden sein.
Stephan: Vielen
dank für die ausführlichen Antworten.
|